Im Spätherbst des Jahres 756 nach der Erscheinung des Solis im Reiche Löwentor brach ein Tross unter Leitung des Freiherrn Karl-Konstantin von Kulter auf, um im Namen der Krone und des Hauses Hohenwang neues Land für die Krone in Besitz zu nehmen.
Niemand konnte damals wohl ahnen, wie schnell sich die Umstände zu Ungunsten dieses tapferen Trupps wenden sollten und was für ungeheuerliche Schrecken sie in dem neu entdeckten Landstrich erwarten würde… Lange schon war diese Expedition heimlich vom Hause Hohenwang – einem der vier Fürstentümer Löwentors – geplant worden und vor allem Konstanze von Hohenwang tat sich hierbei besonders hervor.
Da es gewisse Kreise unter den adligen Familien im Königreich Löwentor gab, die dem widerwärtigen Ränkespiel und üblen Intrigen sehr zugetan waren und der König schon seit Jahren durch diese einflussreichen Personen gar übel beraten wurde, sah sich die dem Königshaus loyale Familie Hohenwang dazu gezwungen, das Unterfangen zumindest vorerst selbst zu finanzieren und die Expedition mit allem auszustatten, was diese benötigte, um erfolgreich wieder in die Heimat zurückzukehren.
Der eigentliche Plan sah somit vor, dem König Löwentors nach der Inbesitznahme einer neuen Provinz die Nachricht hierüber zu unterbreiten, so dass die Ränkeschmiede bei Hofe keinerlei Einfluss mehr geltend machen konnten und das Königshaus sicherlich wohlgefällig auf diese wackere Tat blicken würde.
Aber natürlich holte Konstanze von Hohenwang die nötige Erlaubnis für diese Expedition am Königshof ein, womit leider die Geheimhaltung bereits dahin war und die sich übergangen fühlenden Adligen damit begannen, allerlei diplomatische Fallstricke auszulegen, welche auch rasch reife Früchte tragen sollten.
Wahrhaft bitterlich war es mit anzusehen, wie tief die einst so stolzen und edlen Familien Löwentors gesunken waren und wie sehr sie sich von ihren so hehren Idealen abgewandt hatten…
Als Anführer des gewagten Unternehmens fiel die Wahl Konstanzes sogleich auf den ihr stets treulich ergebenen Freiherrn als Kulter, der sie ja erst im Jahre 753 n. d. E. aus den Klauen der machtvollen Hexe Annegret Todleben beim verruchten Kulter Forst errettet hatte. Dieser ging sogleich daran, die ihn getreuen Gefolgsleute auszuwählen, die ihn bei seiner gefährlichen Reise in unbekannte Gefilde begleiten sollten, darunter waren unter anderem der Hauptmann der Hohenwanger Fürstengarde – Eberhard Hauenstein – ebenso wie der Gelehrte Ingnatius Insgeheim aus der prachtvollen Akademie zu Leuenhall, der Solis-Priester Gustav Guthmann und die Elia-Novizin Kunigunde.
Die Reise begann und der Weg führte diesen kleinen und tapferen Tross zunächst nach Kaltenherz, wo die dortige Fürstin Tanja-Tamara von Kaltenherz eine wahrlich böse Überraschung für die Streiter vorbereitet hatte: Denn sie leerte ihre Kerker und Gefängnisse und sandte die dort inhaftierten Personen mit auf den ungewissen Weg, um sich ihrer zu entledigen!
Der Freiherr Karl-Konstantin von Kulter konnte sich gegen dieses infame Vorgehen nicht wehren, schließlich war er auch der Fürstin zum Dienste verpflichtet, doch sollten diese unfreiwilligen Siedler für ein noch unentdeckte Land sehr rasch zu großen Schwierigkeiten führen… Viel schlimmer aber war die Tatsache, dass Tanja-Tamara von Kaltenherz dem Freiherrn in einem verschlossenen Kästchen eine der legendären sieben Tränen der Xaria mit auf seinen ohnehin schon gefahrvollen Weg gab, um dieses ebenso verfluchte wie immens machtvolle Relikt der Königin der Schlangen aus dem Königreich zu schaffen. Dies ahnte Karl-Konstantin von Kulter indes zu diesem Zeitpunkt nicht, dem es weder möglich noch gestattet war, das geheimnisvolle Kästchen zu öffnen.
Mit dieser göttlichen Reliquie – um deren Besitz im Jahre 758 n d. E. beim großen Sumpf Vulpespfuhl nahe dem Gut Tümpelhofen noch bitterlich gekämpft worden war – kam wohl schon das Unglück mit in die neue Provinz, den Unheil folgte den Tränen der Xaria auf allen ihren Wegen… Nur die wenigen Priesterinnen dieser furchteinflößenden Göttin konnten die Macht der Tränen nutzen, ohne deren furchtbaren Fluch anheim zu fallen – doch war nach allem Dafürhalten die letzte Xariane namens Xeleste Natternlieb nahe dem Vulpespfuhl im Kampf gegen die Anhänger des Roten Gottes Taros getötet worden.
Dank des Tagebuchs des Freiherrn können wir auch heute noch an seinen einstigen Gedanken teilhaben und wissen darob, was damals geschehen ist:
„Heute brechen wir wieder auf und werden schon bald die Grenzen Löwentors verlassen. Doch gleichwohl meine Laune und meine Begeisterung für unser großartiges Unterfangen, unsere ganze Expedition einen schweren Dämpfer erhalten hat und ich mehr als betrübt darüber bin, wie wenig die Fürsten unseres angeblich so aufrechten und edlen Reiches diese Expedition unterstützen, weiß ich, dass die Familie derer von Hohenwang auf mich und meine wackeren Mannen zählt. Und ich werde sie sicherlich nicht enttäuschen…
Am frühen Morgen wurde ich also geweckt und wurde mit jenen Menschen konfrontiert, die unseren kleinen, aber mir vertrauten Trupp auf unserer Reise begleiten sollten: Ich muss zugeben, ich war mehr als erschrocken und entsetzt über das, was sich meinen Augen im Innenhof der Burganlage zu Kaltenherz darbot!
Verwahrloste Gestalten lungerten und kauerten hier dicht zusammengedrängt herum, auf den ersten Blick als Menschen zu erkennen, die in der letzten Zeit in den Gefängnissen und Kerkern von Kaltenherz – und vermutlich sogar der anderen Fürstentümer – zugebracht hatten.
Wahrlich einen bedauernswerten Anblick boten sie und meine Gefährten waren entsetzt und verbittert darüber, dass wir unsere Aufgabe und unser Leben nun mehr oder minder in die Hände von Menschen begeben mussten, die wir nicht nur nicht kannten, sondern von denen wir wussten, dass sich unter ihnen unzählige Haderlumpen, Mordbuben und alles nur erdenkliche Schurkenpack befinden mussten!
Eben vor allem solche Personen, die in unserer Heimat Löwentor nicht mehr länger erwünscht waren und die uns ganz offensichtlich in der Hoffnung mit auf den Weg gegeben wurden, um nicht nur unsere Mission zu behindern und zu gefährden, sondern auch deshalb, um die mit großer Wahrscheinlichkeit ein für allemal loszuwerden… Ein diabolischer Plan, der vermutlich dem Geist meiner Gastgeberin entsprungen ist – und ich schreibe dies hier nur deshalb so deutlich nieder, weil ich annehmen muss, dass ihr Plan durchaus aufgehen wird und ich weder Tanja-Tamara von Kaltenherz noch die anderen Adligen Löwentors jemals wiedersehen werde! Um ehrlich zu sein, lege ich wahrhaftig keinen allzu großen Wert mehr darauf.
Lediglich Konstanze von Hohenwang und ihr weiser Vater Ferdinand werden mir sehr fehlen, der Rest der adligen Herrschaften kann mir für alle Zeiten getrost gestohlen bleiben. Denn wenn wir nicht den unbekannten Gefahren einer fremden Umgebung zum Opfer fallen – die ich doch mit meinen treuen Begleitern zu meistern gedachte – dann kann es ja durchaus sein, dass mir jemand des Nachts die Kehle durchschneidet…
Aber vielleicht tue ich diesen beklagenswerten Kreaturen ja auch Unrecht? Wir werden es vermutlich bald schon wissen. Sehr bald…“
Somit zog also die übel beleumundete Expedition mit einem nunmehr deutlich angewachsenen Tross los, ließ die Grenzen des Königreiches Löwentor hinter sich und zog einer ungewissen Zukunft und einem unbekannten Ziel entgegen.
Rasch schon zeigte sich bei dieser beschwerlichen Reise, dass einige unliebsame Gefolgsleute sich unter dem bunten Haufen befanden: Hier tat sich ganz besonders der in Ungnade gefallene Adlige Franz-Ulbrich von Ungemach hervor, der nicht zauderte, eine kleine und mehr oder minder treue Gruppe von Anhängern um sich zu scharen, unter ihnen viele der schlimmsten Haderlumpen und Halsabschneidern.
Desweiteren tat sich ein weiterer Mann hervor, der angeblich dem Gotte Talis huldigte, der bislang in der alten Heimat scheinbar nur in allergrößter Heimlichkeit angebetet worden war. Laut den Worten des selbsternannten Priesters namens Wilhelm Würmeling sei Talis der einzig wahre Gott und eine Verkörperung von Solis und Taros, die im Glauben des Königreiches stets als die erbittertsten Feinde angesehen worden waren.
Trotz aller Ungemach kam die Expedition relativ gut voran und nach langen Tagen und Nächten der beschwerlichen Reise findet sich folgender Eintrag im Tagebuch des wackeren Freiherrn von Kulter:
„An diesem schicksalsschwangeren Tage habe wir unser festes Lager zu Füßen einer mächtigen Bergkette, ganz in der Nähe eines großen Waldes aufgeschlagen.
Nie werde ich meinen ersten Blick von einer Anhöhe herab vergessen, von dem aus ich eine hervorragende Aussicht hatte und weit ins Land hineinschauen konnte: Weite Ebenen, turmhoch aufragende Berge, unberührte Wälder – wahrlich, dies mag zwar nicht meine Heimat Löwentor sein, aber bald schon die Heimstatt unzähliger Menschen, die uns folgen werden, um hier zu leben…
Mein Heimweh ist wie weggeblasen und wurde schlagartig ersetzt von Abenteuerlust und Entdeckerdrang! Schwester Kunigunde meinte, hier am Fuße der Bergkette einen mächtigen Greif erblickt zu haben, der bei unserem Näherkommen verschwunden sei und ich nutzte diese Gelegenheit und benannte unser Lager nach einer kurzen Ansprache an meine erschöpften, aber nunmehr glücklichen Reisegefährten mit dem bezeichnenden Namen Greifenhain…
Unsere Kundschafter haben weit und breit keine Anzeichen von menschlichen Ansiedlungen ausmachen können und daher haben wir uns nach vielen Tagen der Reise und reiflicher Überlegung dazu entschieden, hier den Grundstein für die erste Siedlung in der neuen Provinz Leuenmark zu legen.
In den nächsten Tagen werden unsere Späher, Kundschafter und Kartographen sich sogleich daran machen, das umliegende Land zu erforschen und eine erste Karte zu erstellen, auch wenn ich mir sicher bin, dass diese noch weit davon entfernt sein wird, das Gebiet wirklich genau wiederzugeben, das wir hier durchmessen!
Allerdings war dieser Landstrich nicht immer unbewohnt – überall finden sich Spuren einer fremden Zivilisation mit einer Baukunst, die mir und selbst meinem Ratgeber Ignatius Insgeheim völlig unbekannt sind.“
Somit wurde nun also rasch eine erste Siedlung errichtet, die den Namen Greifenhain tragen sollte und Karl-Konstantin von Kulter benannte dies unbekannte und überaus vielversprechende Land als die Leuenmark. Die Dinge schienen sich trotz erbitterter Kämpfe gegen hünenhafte Leuenmark-Trolle und entsetzliche Minotauren endlich nach und nach zum Guten zu wenden, allerdings war dies leider ein voreiliger Trugschluss, denn die Neuankömmlinge wurden aus dem Dunkel der dichten Wälder heraus bereits von gierigen und grausamen Augen beobachtet!
Bald schon erfolgte der erste Angriff der schrecklichen Bestien, die diese Lande unsicher machten und welche fortan die kleine Ansiedlung im eisernen Griff ihrer Belagerung einschnüren sollten: Es handelte sich um die gar garstigen Blutkappen, die ihre Kleidung im Blut ihrer erschlagenen Opfer färben als Zeichen ihrer Macht und Stärke.
Die unbarmherzigen Überfälle dieser tierhaften Kreaturen zwangen die Bewohner des Greifenhains immer weiter in die Knie, da kamen eines Tages die menschlichen Neuankömmlinge im Lager wie gerufen, denn die Angehörigen des nomadischen Volkes der sogenannten Kodros waren offenkundig die erhoffte Rettung vor den Attacken der Blutkappen, die nun auch in der Tat aprupt abbrachen…
Einige Zeit später erschienen dann die mysterlös-emotionslosen Pan im Greifenhain und eine unter ihnen – die Pan namens Madaya – nahm sich der Elia-Novizin Kunigunde an und lehrte sie viel über ihr uraltes und offenbar unsterbliches Volk.
Dennoch schienen die Pan es nicht für nötig zu erachten, die menschlichen Bewohner der Siedlung vor den nur scheinbar freundlichen und friedfertigen Kodros zu warnen, die in Wahrheit während der furchtbaren Ahnenkriege einen Pakt mit Dämonen geschlossen hatten und schließlich die Siedler heimtückisch und völlig unvorbereitet überfielen.
Es folgte die erbitterte Schlacht um den Greifenhain in deren Verlauf es dem verzweifelten Freiherrn von Kulter schließlich doch noch gelang, eine Nachricht in die alte Heimat zu entsenden, ehe jeglicher Kontakt zur Expedition abbrach…
Sogleich nach Erhalt dieses blutbesudelten Schreibens wandte sich Konstanze von Hohenwang eilig an den Königshof, wo ihr allerdings zu ihrem großen Entsetzen jegliche Hilfe und Unterstützung verweigert wurde.
So weit waren die Intrigen der Adligen bei Hofe nun also schon fortgeschritten und verhinderten somit jegliches weitere Eingreifen von königlicher Seite.
Doch Konstanze zauderte nicht und ging sofort daran, alle ihre Kontakte spielen zu lassen, um dem bedrängten Freiherrn und seinen Gefolgsleuten einen entschlossenen Trupp von Soldaten und Söldnern zu senden, wobei sie zum Glück bei Richard Solingen einen tapferen Recken fand, der sich bereit erklärte, diese Rettungsexpedition anzuführen!
Tatsächlich war es dann schließlich notgedrungen ein sehr bunter Trupp aus Söldnern, Glücksrittern, Abenteuern und sogar mutigen Siedlern, die sich so eilig als möglich auf den beschwerlichen Weg in die ferne Leuenmark machten.
Tage und Wochen vergingen bis die vermeintlichen Retter der in Not geratenen Expedition schlussendlich bei der ersten Ansiedlung in der neu entdeckten Provinz ankamen und sie fanden einen Ort des schieren Grauens vor: Überall verstreut lagen Leichenteile umher und stöhnende Untote machten das verwüstete Lager unsicher, wobei nur allzu rasch klar wurde, dass dies die traurigen Überbleibsel der einstigen Siedler sein mussten. Zunächst standen Richard Solingen und seine Getreuen vor einem großen Rätsel, denn in dem hastig niedergeschriebenen Brief von Karl-Konstantin von Kulter war lediglich von einem ominösen Angriff von dämonischen Mächten die Rede, von denen aber nichts zu entdecken war.
Dummerweise standen die Neuankömmlinge ohne es zu ahnen vor einer noch größeren Herausforderung als jene, die vor ihnen hier angelangt waren: Denn in der Zwischenzeit war auch ein machtvoller Nekromant namens Viktor von Verblichen hier angekommen, auf der Suche nach der verbliebenen Träne der Xaria, und er war es auch gewesen, der die Leichen der toten Siedler für seine Zwecke in ein unheiliges Leben zurück gerufen hatte. Dieser einstige Schüler des gefürchteten Albrecht Aschenhand hielt mit seinen untoten Horden die Siedlung gegen die kannibalischen Kodros, der wiederum in die hier liegende, verlassene Mine wollten, um dort das Relikt ihres Dämonengötzen Xevassa zu erlangen – das legendäre Dunkle Herz!
In den kommenden Stunden versuchte Richard Solingen zusammen mit seinen Verbündeten verzweifelt, Lichts ins Dunkel der für ihn völlig unüberschaubaren Situation zu bringen und das Erscheinen der vom ganzen Geschehen scheinbar völlig ungerührten Pan halfen nicht unbedingt dabei, die Angelegenheit weniger verworren zu machen.
Vielmehr trug das Erscheinen der sogenannten „Dunklen Brüder“ nur für noch mehr Verwirrung und Unruhe.
Zum Glück fanden sich in der verlassenen Siedlung so manche Niederschrift, unter anderem das Tagebuch des Adligen Karl-Konstantin von Kulter und das „Buch Pan“ der Elia-Novizin Schwester Kunigunde, so dass während der heftigen Kämpfe gegen die wieder erstarkten Blutkappen, Untote und dämonische Kreaturen der Kodros nach und nach klar wurde, was hier geschehen war…
Auch gab es einen Überlebenden des Massakers namens Wilhelm, der allerdings durch die Vorkommnisse um den Greifenhain gnädig den Verstand verloren hatte; dennoch trug sogar sein wirres Gestammel dazu bei, die Gefolgsleute um Richard Solingen über das Geschehene in Kenntnis zu setzen. Die Erforschung der alten Mine und das Auffinden des Relikts des Dämonengötzen Xevassa allerdings sorgten dafür, dass die kannibalischen Kodros nun ihre dämonischen Verbündeten anriefen, um die unliebsamen Neuankömmlinge zu zerschmettern!
Schließlich und endlich gelang es den Recken um ihren Anführer Richard Solingen dann tatsächlich, die stetigen Attacken der mordgierigen Blutkappen durch die Zerstörung ihres alten Schreins im Wald zum Erliegen zu bringen und auch die Bemühungen der Kodros zu vereiteln, indem sie das Dunkle Herz mit Hilfe des Pan-Ahns Hsiandaloor vernichteten…
Dennoch schmeckte der Sieg schal, denn über den Verbleib von Karl-Konstantin von Kulter gab es keine Kunde und der nach einigen Wochen aus der Wildnis zurückkehrende Hauptmann Eberhard Hauenstein – der nach seinem Anführer gesucht hatte – konnte über dessen Verbleib keinerlei Aufschluss geben. Nach einer letzten Schlacht gegen die untoten Horden des Nekromanten Albrecht Aschenhand – der im allgemeinen Tumult leider fliehen konnte – wurde die Siedlung am Greifenhain wieder aufgebaut und von den neu eingetroffenen Siedlern wieder in Besitz genommen.
Durch die zumindest vorübergehend gebannte Gefahr der widerwärtigen Kodros und Blutkappen, die sich irgendwo in den unwegsamen Gegenden der Leuenmark ihre Wunden leckten, war es nunmehr möglich, die umliegenden Gegenden weiter zu erforschen und endlich daran zu gehen, diese Provinz wirklich in Besitz zu nehmen und zu befrieden.
Nachdem Richard Solingen aus Löwentor zurückgekehrt war – wohin er die fluchbehaftete Träne der Xaria wohlweislich wieder gebracht hatte – ging er zusammen mit seinen aus der Heimat mitgebrachten Gefolgsleuten entschlossen daran, den Greifenhain zu befestigen und nach einer geeigneten Stelle für die Errichtung einer Festungsanlage Ausschau zu halten.
Denn auch wenn die Krone Löwentors keinerlei Neigung dazu zeigte, sich in die Belange der Leuenmark einzumischen, wollten weder Konstanze von Hohenwang noch Richard Solingen das neu entdeckte und mit so viel Blut und Tränen eroberte Land wieder sich selbst überlassen! Nur wenige Tagesreisen vom Greifenhain entfernt fanden die Kundschafter des tapferen Anführers schließlich im Schatten der Berge die uralten Ruinen einer mächtigen Burg unbekannter Herkunft, die von den nunmehr aus der alten Heimat anreisenden Handwerkern und Siedlern fleißig wieder hergerichtet wurde. Auch allerlei buntes Volk – das hier eine Möglichkeit sah, das alte und vielleicht ausweglose Leben hinter sich zu lassen – kam im Laufe der folgenden Wochen und Monate in der Leuenmark an, um hier das Glück zu finden, das ihm in Löwentor verwehrt worden war…
Die trutzige Burg Leuenfels – wie Richard Solingen zu Ehren des Gottes Solis die wieder errichtete Festung benannte - sollte von nun an eine sichere Ausgangsbasis für die weitere Besiedlung des nach wie vor weitgehend unerforschten Landes darstellen und sogleich gingen die Späher und Kundschafter daran, anhand des bereits von Karl-Konstantin von Kulter erstellten Kartenmaterials und seiner Aufzeichnungen das Land weiter zu erkunden. Und sie stellten rasch fest, dass die Leuenmark ein zwar fruchtbarer und wunderschöner, aber ein mindestens ebenso gefährlicher und unwegsamer Ort war, der viele Geheimnisse barg… Schon bald lagen weitere Erkenntnisse über dieses neue Reich und seine unbekannten Bewohner und Kreaturen vor, die stets getreulich in der Burg Leuenfels berichtet wurden.
Die Leuenmark ist fast völlig umgeben von einer mächtigen, hoch aufragenden Gebirgskette, lediglich im Osten befindet sich eine breite Kluft, die den Zugang in die weiten Ebenen des Landes ermöglicht. Eine der vielleicht herausragendsten Eigenheiten der Leuenmark ist dabei der tiefe Kratersee, der sich fast exakt in der Mitte des bisher erforschten Landes befindet. Die Kundschafter nannten ihn ohne langes Überlegen den Sternensee, da sich in seinem scheinbar unendlich tiefen und klaren Wasser das Licht der Sterne so klar wie am Himmelszelt selbst wiederspiegelt… In der Ebene selbst wechselt sich die nahezu unberührte Landschaft mit dichten und unwegsamen Wäldern mit weiten Sumpfgebieten und hügeligen Gebieten ab.
Die Kundschafter fanden allerdings fast in allen Bereichen des Landes uralte Ruinen, die dennoch teilweise sehr gut erhalten und von unbekannter Bauart waren; viele von ihnen zeigten die unverwechselbaren Anzeichen von Kampf oder Krieg und dem Einwirken machtvoller Magie. Ganz offensichtlich war das jetzige Gebiet der Leuenmark dereinst von gewaltigen und schrecklichen Schlachten erschüttert worden… Bis auf diese ersten Erkundungen durch Späher wurden aber noch keine weiteren ernsthaften Versuche unternommen, vom Greifenhain aus mit einem größeren Trupp Siedler in die Tiefen der Leuenmark vorzustoßen und dort weitere feste Ansiedlungen zu errichten.
Doch der Gefahren gibt es in diesen Landen viele: Gewaltige Spinnen, die in den Wäldern hausen, die hünenhaften Leuenmark-Trolle und die grobschlächtigen und schier unüberwindlichen Minotauren sind einige der furchtbaren Geschöpfe, die hier auf arglose Wanderer lauern mögen…
Die bisher angetroffenen Völker geben den menschlichen Neuankömmlingen aus Löwentor auch viele Rätsel auf. Vom einzig sonst offenkundig menschlichen Volk dieses Landes – den Kodros – ist mittlerweile gewiss, dass es sich bei ihnen um in losen Stammesverbänden umherziehenden Dämonenanbetern handelt. Diese durch und durch korrumpierten Geschöpfe haben den Pakt ihren dämonischen Verbündeten voll und ganz akzeptiert und sie wurden im Laufe der Zeit zu bestialischen Kannibalen, deren Stämme sich ständig untereinander befehden.
Eine uralte Prophezeiung der Kodros besagt, dass dereinst andere Menschen in diesen Landen ankommen, die an eine „große Katze“ glauben würden; würden diese neuen Siedler aber Fuß fassen, so sei dies das Ende der Kodros und ihrer dämonischen Verbündeten…
Wesentlich geheimnisvoller aber sind die gehörnten und scheinbar völlig emotionslosen Pan, die in ihren weißen Gewändern fast wie leibhaftige Geister wirken: Und tatsächlich sind diese Geschöpfe durchworben von purer Magie und sie weben Zauberei durch reine Gesten oder die Macht ihres Willens. Allerdings machten sie sich durch ihre abwartende und eher selbstsüchtige Art bei den Neuankömmlingen in der Leuenmark nicht gerade Freunde, denn sie verlangten viel von ihnen und gaben nur wenig zurück; durch ihre unmenschliche Verhaltensweisen, niemals irgendeine Art von Gefühlsregung zu zeigen, wirken sie unheimlich und unnahbar.
Auch ihre rätselhaften und stets irgendwie ausweichend wirkenden Antworten zählen zu den Eigenheiten, die den Eindruck erwecken, sie seien dieser Welt irgendwie entrückt. Schon jetzt scheint aber klar, dass es ein großes Geheimnis um das Volk der Pan zu geben scheint, über das sie selbst aber nicht sprechen und das durch das Erscheinen der „Dunklen Brüder“ offenkundig wurde. Die Pan beten keine Götter im herkömmlichen Sinne an, sondern haben vielmehr eine bizarre Art von Ahnenkult entwickelt.
Es verhält sich scheinbar so, dass alle Angehörigen dieses mysteriösen Volkes selbst den Gottstatus erlangen können und diesen auch zu erreichen trachten; je näher sie diesem Zustand kommen, desto unnahbarer und entrückter wirken sie…
Ein weiteres Volk, das bisher in der Leuenmark angetroffen worden ist, sind die bestialischen und abstoßend hässlichen Blutkappen (die ab und an auch als Rotkappen bezeichnet werden)! Diese tierhaften Kreaturen sollte man aber tunlichst nicht unterschätzen und es gibt Vermutungen, dass sie – so unglaublich es auch klingen mag – irgendwie eventuell mit dem Feenvolk Löwentors verwandet sein könnten. Immerhin sind diese abstoßend stinkenden Monstrositäten erstaunlich widerstandsfähig gegenüber herkömmlichen Waffen und intelligenter als sie auf den ersten Blick vielleicht wirken mögen. Oftmals tun sie sich auch mit den gewaltigen Trollen zusammen, die in der Leuenmark ihr Unwesen treiben, und ziehen mit diesen in den Kampf! Die Wälder dieses Landes bieten den Blutkappen eine sichere Zuflucht und es ist fraglich, wie viele es von ihnen wirklich geben mag. Immer wieder finden sich Schreine dieser unnatürlichen Geschöpfe zu Ehren ihrer dunklen Götzen an unzugänglichen und finsteren Stellen in den Wäldern, wo sie ihre Lumpenkleider im Blut der erschlagenen Feinde tränken…
Doch diese wenigen Völker sind nur einige wenige, mit denen die menschlichen Neuankömmlinge im Reich der Leuenmark bisher – mehr oder weniger freiwillig – Kontakt hatten. Da gibt es aber auch die scheuen und wilden Silenis, die stets wachsamen und doch selbst nahezu unsichtbaren Elfen der vielen Wälder… Und natürlich sind die Rorax, jene ungewöhnlichen und doch offenbar intelligenten Vogelwesen aus den Hügellanden… Oder die Gorgoros, die schlangenartigen Kreaturen aus den großen und gefährlichen Sumpfgebieten der Leuenmark…
Vieles gilt es in diesen unerforschten Gebieten noch zu erforschen und mögen Solis und alle Götter jenen beistehen, die es wagen, sich in der Leuenmark eine neue Heimat zu suchen!